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Ganztag und Inklusion beim TV Jahn Rheine

30.03.2017


Best Practice beim TV Jahn Rheine

Die Tagung „Im Sport zusammenkommen“ Ende März an der Sporthochschule Köln bot viele Anregungen. Beispielhaft in Sachen „Ganztag“ und „Inklusion“ ist der TV Jahn Reine. Wir sprachen mit Ralf Kamp, Vorstandvorsitzender des Vereins mit rund 6.000 Mitgliedern über…

…das Leitbild des Vereins
“Vor ca. zehn Jahren regte der damalige Vorsitzende an, nicht nur vereinseigene Sporträume zu schaffen, sondern auch einen vereinseigenen Kindergarten. Daraus wurde ein Leitbild entwickelt mit den Elementen soziale Erfahrung, Lernen durch Bewegung, gesunde Lebensführung usw. und dann nach und nach natürlich das Thema Sport im Ganztag. Also Partnerschaften mit anderen Bildungseinrichtungen und die Frage: Wo stehen wir als Sportverein damit.“

…den „Lernort Bewegung“
„Seit einigen Jahren wollen wir mit dieser Marke verdeutlichen, dass wir die normalen Sportangebote im Verein, die Bewegungsangebote im Kindergarten und die Ferienangebote nicht nur unter dem sportlichen oder motorischen Aspekt sehen, sondern dass sie auch kompetenzorientiert sein sollten, d.h. aufgeschlüsselt in Ich-, Sach- und Sozialkompetenz, um ein ganzheitliches Lernen zu ermöglichen.“

…Aktivitäten im Ganztag
„Zusammen mit anderen Sportvereinen in Rheine organisieren wir rund 100 Sportangebote pro Woche unter der Marke ‚Sport im Ganztag‘, was auch bei uns eine eigene Fachabteilung ist. Darüber hinaus sind wir Träger an fünf offenen Ganztagsgrundschulen, machen die Übermittagsbetreuung, Schularbeitshilfe, kreative Angebote, einfach alles.“

…den Wert für den Sportverein
„Es ist natürlich gut für uns als Verein, wenn wir dahin gehen, wo die Kinder sind, wo unsere Zielgruppe ist. Aber man darf das nicht überbewerten. Viel wichtiger ist, dass wir darüber Kompetenzen in unseren Verein hineinholen, die den ‚Lernort Bewegung‘ in unserem Verein stützen. Weil in diesen Sport im Ganztag-Angeboten zahlreiche Vereinsmitarbeiter für uns tätig sind, die Sport nicht so sehr unter dem Wettkampfaspekt sehen, sondern vielmehr unter dem pädagogischen Aspekt.“

…Erfahrungen mit Schule
“Die Zusammenarbeit mit vielen Schulen klappt sehr gut. Das liegt vor allem daran, dass wir uns vorher Gedanken gemacht haben, was ist das richtige Angebot, wie müssen wir auf die zugehen. Schulen brauchen klare, nachvollziehbare und verlässliche Informationen, um schnell Entscheidungen treffen zu können. Dann mögen die Schulen es sehr, wenn sie klare Ansprechpartner und klare Vertretungssituationen haben. Das ist im Prinzip eine Frage der Qualitätssicherung, wenn wir den Schulen zusichern können, dass wir z.B. im Krankheitsfall für Ersatz sorgen. Das kann im Schullalltag und OGS-Alltag im Zweifelsfall auch sehr problematisch sein für die Schule und den OGS-Träger. Wir übernehmen das und entsprechend positiv werden wir auch wahrgenommen.“

…Zukunftssicherung
“Durch den direkten Kontakt zu den Schulen werden wir vielmehr als Bildungspartner wahrgenommen und diese Bildungspartnerschaft ist für uns ein wichtiges Element der Zukunftssicherung. Weil wir meinen, dass langfristig gesehen die Welten ‚gemeinnütziger Sportverein‘ und die ‚Bildungswelt‘ enger zusammenwächst. Und da wollen wir dabei sein.“

…Inklusion im Sportverein
“Ein Sportverein, der so breit aufgestellt ist wie wir, der auch grundsätzlich eine Willkommenskultur hat, der arbeitet automatisch ein Stück inklusiv. Wir haben z.B. ein Gesundheitssportangebot, was auch Menschen mit Einschränkungen anspricht. Inklusiver Sport findet bei uns schon heute statt, aber eher zufällig, nicht in einer großen Breite und nicht konzeptionell durchdacht. Wir wollten aber weg von der Zufälligkeit und Inklusion strategisch und konzeptionell sichern.“

…ein Inklusions-Netzwerk in Rheine
„Um uns an einem Inklusionsnetzwerk zu beteiligen, was bedeutet, dass wir auch auf andere Partner zugehen, musste für uns nach innen erst einmal klar sein, was der Inklusionsbegriff für den TV Jahn Rheine bedeutet. Es war sehr wichtig, wertvoll und zeitintensiv, ein gemeinsames Verständnis und ein Fundament für die Inklusion im Verein zu erarbeiten. Und auf dieser Basis können wir jetzt viel besser Partnerschaften organisieren.

…die Inklusionsbroschüre des Vereins „Gemeinsam Vielfalt schaffen“
„Dabei haben wir wieder einmal festgestellt, dass in diesem Thema Inklusion, und wie wir es beschreiben wollten, so viele Feinheiten und Unterschiedlichkeiten bestehen. Deswegen war es absolut notwendig, diese Broschüre sehr präzise und für die unterschiedlichen Zielgruppen zu formulieren. Deswegen hat das eine professionell Texterin übernommen und es geschafft, dass sich die unterschiedlichsten Inklusions-Akteure in einer Broschüre wiederfinden.“

...den anerkannten Bewegungskindergarten „Mobile“
„Unser Bewegungskindergarten arbeitet schon seit Jahren integrativ, hat auch extra Fachkräfte für Inklusion angestellt und schon ein Konzept für die Inklusion im Bewegungskindergarten erstellt. Damit haben sie etwas, wo wir als Verein noch hin wollen und sind praktisch eine Vereinsberatung im eigenen Verein. Der Kindergarten ist mit der Art, wie er arbeitet, für uns ein ganz wichtiger Türöffner und eine Einrichtung mit hohem Expertenwissen.

…inklusive Sportangebote im Verein
„Man neigt als Sportverein bei so vielen Sportangeboten natürlich dazu, diese zu klassifizieren. Wettkampfsport, Breitensport, Gesundheitssport, Seniorensport usw. Dann kommt man auch schnell dazu zu sagen: Wir machen ein Inklusionsangebot. Das wollten wir aber nicht, weil wir keinen ausschließen wollten. Und das können wir besser erreichen, indem wir das Angebot zum Beispiel mit dem Zusatz „barrierefrei“ oder auch „für Hörgeschädigte geeignet“ versehen. Uns ist aber auch klar, dass nicht alle unsere Angebote inklusiv sein werden und auch, dass wir nicht alle Menschen mit Einschränkungen erreichen werden.“

Mit Ralf Kamp sprach Ulrich Beckmann
Fotos: TV Jahn Rheine/Andrea Bowinkelmann