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Spagat zwischen Leistungssport und Schule

| Allgemein (Sportjugend)

Der 16-jährige Winterberger Nachwuchsbiathlet Finn Tielke im Interview

Rund 90 Tage im Jahr ist Finn Tielke bei Wettkämpfen und Lehrgängen in ganz Deutschland und Europa unterwegs. Dazu kommen bis zu zwölf Trainingseinheiten in der Woche. Was das Leben des 16-jährigen Schülers als Biathlet und Schüler sonst noch so bereithält, erzählt er im Interview mit Celine Kurten (CK) von der neuen Sportjugendredaktion.

(CK) Wie und wann bist Du zum Biathlon gekommen?
Finn Tielke: Wir hatten in der Grundschule einen Einsteigerkurs und da haben alle meine Freunde mitgemacht, deswegen war mein Gedanke: Komm, ich mach auch mal mit. Vom Verein wurden wir dann zum Probetraining eingeladen. Nach und nach haben immer mehr Schüler aufgehört, aber fünf Personen sind dabeigeblieben und so haben wir angefangen.

Wie sieht dein Alltag mit Schule und Sport aus? Wie lässt sich das vereinbaren?
Es geht schon, aber es ist ziemlich schwierig. Wenn ich zwei Trainingseinheiten am Tag habe, muss ich morgens vom Unterricht freigestellt werden und im Anschluss zu Hause alles nacharbeiten. Wenn man dann direkt wieder Training hat, ist es nicht immer einfach. Deswegen haben wir eine Schulzeitstreckung, das heißt ich mache jetzt mein Abi ein Jahr später und habe dafür nur noch die Hälfte an Schule und Klausuren.

Man sagt ,,Wintersportler werden im Sommer gemacht.“ Wie sieht das konkret im Biathlon aus? Was gibt es für Trainingsmöglichkeiten und wie bereitet Ihr Euch im Sommer auf den Wintersport vor?
Einmal das Skirollern, also Skilaufen nur auf Rollern. Ansonsten ist joggen ein Hauptbestandteil des Trainings und sonst viel Rennradfahren und Krafttraining. Also wir machen ein ziemlich allgemeines Training im Sommer. Im Mai, Juni werden mit ganz niedrigen Pulswerten ganze lange Einheiten gemacht, um die Ausdauer aufzubauen. Das schießlastige Training kommt erst im Juli.

Aus dem Weltcup ist bekannt, dass von Mai bis November die Vorbereitung stattfindet und dann vier Monate Wettkämpfe folgen. Wie sieht die Saison bei Euch konkret aus?
Wir starten  am 1. Mai mit dem Training in der Gruppe. Im Mai und Juni sind wir in Winterberg am Stützpunkt und in den Sommerferien folgen zwei bis vier Wochen Lehrgänge. Anfang Oktober findet der erste Wettkampf statt, das ist ein Sommerwettkampf. Das ist die erste Standortbestimmung, wo man steht, ob man gut trainiert hat im Sommer und wo man nochmal nacharbeiten muss. Dann kommt wieder ein Trainingsblock und meistens folgt Mitte November bis Mitte Dezember nochmal ein Winterlehrgang. Danach starten die Wettkämpfe, die bis Mitte März gehen, so im ein bis zwei Wochenrhythmus, also da ist man dann schon enorm viel unterwegs.

Wie werden die Wettkämpfe im Jugend-/ Juniorenbereich organisiert? Gibt es dort auch einen Wettkampfkalender wie im Weltcup und eine Gesamtwertung?
Ja genau. Wir haben im Jugendbereich den Deutschlandpokal, der wird vom DSV(Deutscher Ski Verband, Anm. der Redaktion) organisiert. Das sind sieben Wettkämpfe, ein Sommerwettkampf und sechs Winterwettkämpfe mit einer Gesamtwertung. Dazu gibt es den Alpencup, das sind europäische Rennen, wo bis auf Skandinavien alle starten und da gibt’s auch eine Gesamtwertung, aber das sind nur drei, vier Wettkämpfe im Jahr. Wenn man dann ganz gut ist, kann man zur Jugend Weltmeisterschaft, Jugend Olympiade und zur Jugendeuropameisterschaft. Aber die finden auch nicht jedes Jahr statt und das Bedarf einer Qualifizierung. Da fahren dann aus Deutschland die besten drei oder vier hin.

Kommen wir mal zur aktuellen Situation. Wie hat Corona dein Training und die Wettkämpfe beeinflusst?
Wir durften erst gar nicht in der Gruppe trainieren, erst ab Mitte Mai, Anfang Juni wieder. Individuell haben wir aber trotzdem trainiert. Ich würde sogar sagen, dass ich eher deutlich mehr gemacht habe als sonst, weil die Zeit einfach da war. Aber aufs Gruppentraining hat es schon ziemlich niedergeschlagen, weil wir kein angeleitetes Training machen konnten. Wir dürfen alleine nicht schießen, das heißt, wir haben erst einen Monat später mit dem Schießen angefangen. Im Sommer sind wir ganz normal auf Lehrgänge gefahren. Als es im Herbst wieder losging, war ich dreimal in Quarantäne und konnte nur zuhause auf dem Ergometer oder der Rolle trainieren. Ab August durften wir auch nicht mehr in geschlossenen Räumen trainieren, das heißt Krafttraining ist leider fast ganz ausgefallen. Eigentlich hätten wir zehn Wettkämpfe gehabt. Stattgefunden haben fünf, wo ich bei vieren dabei war. Das ist viel weniger als sonst und auch ziemlich hart, weil es alles innerhalb von vier Wochen stattfand.

Was sind Deine Ziele und wie geht es konkret in den nächsten Jahren sportlich gesehen weiter?
Einen Bundeskaderplatz in meinem Alter zu erreichen, das sind die besten drei, vier aus einer Altersklasse, das wäre schon mein Ziel. Das hat letztes Jahr knapp nicht geklappt. Sonst mal einen bundesweiten Wettkampf in meiner Altersklasse zu gewinnen und längerfristig eine Teilnahme bei einer Jugend Weltmeisterschaft oder bei der Jugend Olympiade, aber da hab ich jetzt noch fünf Jahre Zeit das zu schaffen. Ich hab noch zwei Jahre Schule bis ich mein Abi mache, solange bin ich noch hier am Olympiastützpunkt in Winterberg. Dann muss ich schauen, was nach der Schule ist, wie gut ich bin, für was es alles reicht. Ich könnte mir vorstellen nach Ruhpolding zu ziehen und dann dort am Bundesleistungsstützpunkt weiter zu trainieren, natürlich nur, wenn die mich nehmen.

Text und Bild: Celine Kurten, Sportjugendredaktion
Das gesamte Interview lesen Sie hier

 

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